Konzert "Gesänge aus verlorenen Gärten" (November 2001)

Zärtlich leise Töne und wuchtige Melancholie
KASSEL
O Es gibt es doch: das richtige Leben im falschen. Aber erst im Nachhinein, als Reflexion auf den Trümmerhaufen der Geschichte, als Aufhebung desselben in der Kunst. Immerhin. Selten genug ist das Glück solchen Gelingens. Bei einem Gastspiel im Casa Nova interpretierte das Quartett "Das blaue Einhorn" ein Lied von Mikis Theodorakis über die vergebliche Suche eines Mannes nach seiner Geliebten im KZ mit so viel Energie und Emphase, dass es scheinen wollte als triumphiere nachträglich trotzige Beharrlichkeit gegen das übermächtige Grauen der Vernichtungslager. Ebenso unbeirrt wie der verzweifelt Liebende an seiner Hoffnung festhält, so unbändig spielfreudig präsentierten die Musiker um Paul Hoorn (Akkordeon und Gesang) ihre Lieder. Andreas Zöllner (Gitarre), Tino Scholz (Kontrabass) und Dietrich Zöllner (Bauchgeige) trommelten hingebungsvoll und gleichsam entrückt mit den Händen auf die Schallkörper ihrer Instrumente als bereite ihnen allein die Erinnerung an das Schicksal des hoffnungslos Hoffenden innere Schmerzen. Diese Empfindlichkeit, dieses Einfühlungsvermögen zog sich durch sämtliche Interpretationen der Dresdner Musiker. Klezmer und Chanson Ob französischer Chanson von Jacques Brel, russisches oder serbisches Romalied, ob portugiesischer Fado, brasilianisches Kirchenlied oder jiddischer Klezmer: Stets schloss sich "Das blaue Einhorn" direkt mit dem Herz der Lieder kurz. Und der Funke sprang unmittelbar über auf die Herzen der Zuschauer. Zärtlich-leise Töne im steten Wechsel mit schroffem, erdigem Gesang und musikalischer Verve. So bildeten sich Wehmut und Lust, wuchtige Melancholie und pure Lebensfreude kontrastreich, präzise und beredt in der Musik sowie im Gemüt des Publikums ab. Die oft geschlossenen Augen der Musiker wollte man als Indiz für inneres Spüren nach wahrhaftigem Ausdruck nehmen, als bedingungslose Hingabe. Die "Gesängen aus verlorenen Gärten" im Rahmen der Reihe "l 00 Jahre Kabarett - für guten Zweck" begeisterten restlos.
Matthias Pfannkuche
Hessische Allgemeine 12.11.2001


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