"Traum mit Schlangen"

Ruinenkonzerte in Dresden

"Schwester Mond, hör mein Gebet..."
Das Blaue Einhorn" in der St.-Pauli-Ruine

"Wir stellen uns eine warme Sommernacht vor", sagt Paul Hoorn, der Sänger, und zittert vor Kälte. Die Imagination gelingt trotzdem und das ist einer der Gründe, weshalb "Das Blaue Einhorn" in den 14 Jahren seines Bestehens nichts von seiner Faszinationskraft, eingebüßt hat. Allein auf die künstlerische Äußerung bauend, ohne Bühnenshow und Effekthascherei, stehen diese vier Musiker auf der Bühne, spielen, singen vom Dickicht der Städte. Und erzählen davon. Denn das sind sie auch und vielleicht vor allem: Geschichtenerzähler.
Hoorns Ansagen künden von der Fremde und lassen dennoch eine Nähe aufscheinen, die im Menschlichen, in der Einmaligkeit eines jeden Lebens liegt. Unversehens hebt er dabei die Trennung von gesprochenem Wort und gesungenem Lied auf, beides fließt ineinander und die Sprachen ebenso. Das gibt sowohl der Musik als auch den Texten eine Würde, ihrer Existenz eine Dimension zurück, die Kunst heute oft abgesprochen wird. Notwendigkeit für das menschliche Sein, das jedem Einzelnen zutiefst Innewohnende, Kunst als Überlebensgarant.
Ob Klezmer, Chanson oder Fado, ob Tangolieder oder Tänze der Roma, "Das Blaue Einhorn" spielt jedes Stück souverän und präzise; Geige, portugiesische Gitarre, Akkordeon, auch Kontrabass und Banjo, um wirklich nur einige zu nennen, ergeben einen Klangreichtum, der das Publikum mit jedem neuen Stück in den Bann zu ziehen vermag. Diese Vielfalt nimmt Hoorns Stimme auf und scheint in den Möglichkeiten ihres Ausdrucks fast unbeschränkt zu sein. Sanftmütig und melancholisch ist sie, zornig und wie von rasender Leidenschaft trunken, leicht vom Glück des unbeschwert Augenblicks, dann wieder zärtlich und plötzlich, etwa im Duett mit einer Tuba (Dietrich Zöllner), ganz anders, ganz neu.
Auch in diesem Programm fehlt Jacques Brei nicht, wird aber - so paradox es klingt - komplexer und gleichzeitig geradliniger als in früheren umgesetzt. Ähnliches gilt auch für Wyssotzkij, der mit der "Wolfsjagd" vertreten ist und unaufdringlich einen hochaktuellen, dennoch weit über Tagespolitik hinausreichenden Aspekt einbringt. Bedauerlich ist nur eines, nämlich dass das Album zum neuen Konzertprogramm erst im Herbst erscheinen wird. Doch was soll die Klage, freuen wir uns darauf!
Uta Wiedemann

DNN, 20.05.2005





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