"Traum mit Schlangen"

Februar 2006 in Waiblingen

"Sinnliches Mahl, fabelhaftes Musizieren"

Traurig, zärtlich, verspielt: Weltmusik mit dem Dresdner Ensemble Das Blaue Einhorn

Waiblingen.
Ein kubanisches Fabelwesen gibt ihnen ihren Namen. Den vier Weltmusikern der Gruppe Das blaue Einhorn, die in ihrem neuen Programm "Traum mit Schlangen" das Publikum im ausverkauften Waiblinger Schwanen auf einzigartig verführerische Weise ins Dickicht der Städte katapultierten.

Die Einhörner führten damit mitten hinein in die musikalischen Untiefen der Vorstädte und Altstadtgassen, ihre literarischen Theken und ihre archaischen Schätze des Lebensausdrucks.
Traurigkeit und Zärtlichkeit bekümmern dabei die Melodien der erzählenden Musiker. Und nur einen Moment später tanzen, hüpfen und lachen sie auf ihren Instrumenten so, dass die Bühnenbretter das ganze Glück der Erde zu tragen scheinen. Ihre Lieder und Texte lesen sie auf den Straßen der Welt zusammen. Vom portugiesischen Fado bis zum argentinischen Tango, vom russischen Chanson des Viadimir Vyssozki bis zum griechischen Rembetikolied aus Thessaloniki hat der Sänger und kreative Kopf Paul Hoorn auch sprachlich alles parat, was die Städte Europas oder Südamerikas einem begierig singenden Musiker abverlangen. Paul Hoorn sucht die irdische Begegnung mit den Städten und ihren Bewohnern spürbar leidenschaftlich. Und er vermittelt seine Liebe zu den glücklichen und tragischen, den grauen und farbenstrotzenden Menschengeschichten auf beglückende Weise. Das vollendet zelebrierte und minutiös ausgearbeitete Bühnenprogramm lebt vom umfangreichen Können eines studierten Musikers und Komponisten, dessen musikalische Seele sich offensichtlich von allen nur denkbaren Musikrichtungen und deren Geheimnissen nährt.
Instrumente aus allen Winkeln der Welt
Die dunklen und lächelnden Geschichten erzählen alle vier auf ihren vielfältigen Instrumenten in enormer technischer Virtuosität. Dabei wird das Instrumentarium gekonnt über die Breiten und Längengrade der Welt hinweg jongliert. Dietrich Zöllner tanzt grandios und beschwörerisch auf seiner Geige einen argentinischen Tango oder träumt auf dem Cello - das sich dabei auch durch Bachs Es-Dur-Solosuite schlängelt -, den den kubanischen "Sueno con Serpientes", der dem Abend seinen Namen gab.
Und was wären die traurigen und melancholischen Melodien des Klezmer ohne Akkordeon oder Chalumeau, was Rembetiko ohne Bouzuki, was der verblüffend minimalistisch arrangierte Jaques Brel ohne Trompete, Tuba oder Kontrabass in "Les Singes", was der Sintiswing ohne Gitarre? Reich sind die Marktstände urbanen Lebens, und was die vier Musiker vom "Blauen Einhorn" aus den dort erworbenen Zutaten im Schwanen anrichteten, war ein sinnliches Mahl, ein fabelhaftes Musizieren.

Ursula Quast





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