"Verkauf dein Pferd - Lieder vom Halten und Lassen"

Premiere 2007
Ruinenkonzerte in Dresden

"Lieder vom Halten und Lassen"

Das Blaue Einhorn mit neuem Programm

Nicht nur alle Sitzplätze waren in der Ruine der Trinitatiskirche besetzt, der noch verbliebene Raum reichte kaum aus, um den übrigen Besuchern wenigstens zu Stehplätzen zu verhelfen. Das Blaue Einhorn hat eben in Dresden eine große Fangemeinde, und die ließ es sich nicht nehmen, der Premiere des neuen Programms „Verkauf dein Pferd - Lieder vom Halten und Lassen" beizuwohnen. Der erste Teil des Titels stammt aus dem serbischen Romalied, das am Anfang stand und sowohl Thema wie auch Grundhaltung und Stimmung vorgab. Halten und Lassen wiederum können als Grundelemente menschlicher Existenz angesehen werden, denn bevor man sich an etwas Neues machen kann, muss man sich vom bis dahin Erreichten lösen.

In der Substanz unterscheidet sich das neue Programm nicht von denen der jüngeren Vergangenheit. Das bedeutet, dass schon nach wenigen Minuten unverkennbar ist, dass es sich nur um das Blaue Einhorn handeln kann. Die Gruppe hat in Stil und Klang ihr völlig eigenes Gesicht und eine Ästhetik, die sich aus der Einheit von geistigem Inhalt, künstlerischer Formgebung und engagierter Interpretation speist. Äußere Kennzeichen sind die gleichen, die für die bisherigen Einhorn-Programme charakteristisch und schätzenswert waren: eine raue, nicht aber grobe Art des Musizierens mit völligem Verzicht auf glamouröse Äußerlichkeiten. Selbst bei den nach vorn drängenden heiteren Liedern ist stets ein leicht melancholischer Zug enthalten und prägt die Grundstimmung, wird aber nicht zur Larmoyanz. Kontraste stehen nahe beieinander und werden nicht wegretuschiert. Manchmal, etwa in Jacques Brels „Ne me quitte pas", singt Frontmann Paul Hoorn mit geradezu verzweifelter Eindringlichkeit. Und vieles wird von den anderen Mitgliedern des Quartetts – Florian Mayer, Andreas und Dietrich Zöllner – mit der Kraft des ein- oder mehrstimmigen Begleitgesangs noch eindringlicher.

Auch diesmal ist das Programm eine kleine musikalische Weltreise: Lieder aus Frankreich, Fado aus Portugal, Tango, rebetische Musik aus Griechenland stehen neben deutschen Liedern unterschiedlicher Herkunft und Musik aus den USA oder den kraftvoll-zornigen Gesängen Wladimir Wyssotzkis. Diese Vielfalt ist ebenso beeindruckend wie die instrumentale Reichhaltigkeit. Dabei war die Spannung, die für Premieren typisch ist, einerseits der Intensität des Gebotenen förderlich, ließ aber andererseits auch die souveräne Selbstverständlichkeit der Wiedergabe etwas vermissen, weil die sich erst nach einigen Wiederholungen einstellt. Aber schon jetzt bestätigte sich die Erwartung, dass auch dieses Programm gut durchdacht, solid gearbeitet, von großer Farbigkeit und, was wohl das Wichtigste sein dürfte, von beeindruckender künstlerischer Ehrlichkeit ist.


Peter Zacher, DNN 14.05.2007





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